" /> Das Bullet Journal - analoge Entschleunigung in einer digitalen Welt - CAROTTES REISE

Das Leben

Das Bullet Journal – analoge Entschleunigung in einer digitalen Welt


Bullet Journaling scheint in aller Munde zu sein. Es ist fast ein kleiner Hype, nicht erst dieses Jahr, da Ryder Carrolls Buch „The Bullet Journal Method“ auch auf Deutsch erschienen ist, sondern schon seit einigen Jahren. YouTube ist voll von Tutorials zum Thema und voll von „Flip Throughs“, in denen You Tuber ihr Bullet Journal zeigen, von vorne bis hinten. Auch auf Pinterest gibt es unzählige Anleitungen, Vorlagen, Freebies und ebenso ist Instgram voll von wunder-, wunderschönen Fotos von wunder-, wunderschönen Bullet Journals, jedes einzelne ein kleines Kunstwerk in sich.

Da nimmt es nicht Wunder, wenn in meinem Freundes- und Bekanntenkreis oft gesagt wird, ja, man wisse vom Bullet Journaling und das sähe auch wirklich toll aus und man habe sich auch schon ein entsprechendes Notizbuch gekauft und die passenden Stifte und Washi-Tape… aber für jeden Tag sei eben doch der Aufwand zu groß und da könne man doch lieber den digitalen oder mindestens jedenfalls einen schon vorgefertigten Kalender benutzen, das spare Zeit und sei auch viel praktischer. Und über die notwendige künstlerische Begabung, ein Bullet Journal zu führen, verfüge man sowieso nicht, da fehle einfach die Kreativität.

Ich finde das immer sehr schade, denn der ganze Hype da draußen um das schönste und kreativste Bullet Journal mit den meisten Likes bei Instagram und Pins und Repins bei Pinterest geht in meinen Augen weit an dem vorbei, was Ryder Carroll eigentlich mit seiner Methode mal gemeint hat: Einen Weg nämlich , mit all dem Müll und der Unordnung im eigenen Kopf fertig zu werden. Das Leben zu vereinfachen. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft für sich selber wieder zu beanspruchen.

Ich würde gerne eine Lanze dafür brechen, wie schlicht und einfach und eben doch enorm wirkungsvoll Bullet Journaling als Methode ist. Wie dieses Methode das Leben vereinfachen kann, in depressiven Phasen eine Rettungsleine sein kann oder auch eine Motivationshilfe in Zeiten, in denen Motivation vielleicht gerade mal ausverkauft scheint. Natürlich kann man sich im Bullet Journal so kreativ austoben, wie man möchte, das tue ich auch manchmal – im Rahmen meiner sehr bescheidenen Möglichkeiten. Nur, man muss das nicht tun, um ein Bullet Journal zu führen. Alles, was es dazu braucht, ist ein Notizheft und ein Stift.

Selber bin ich Ende 2016 auf das Bullet Journal gestoßen. Rein zufällig, ich war eigentlich auf der Suche nach Material und Ideen für Scrap Books. Durch irgendeinen Zufall wurde mir bei dieser Sucher auch Ryder Carrolls Blog vorgeschlagen und weitergehend auch seine Tutorials bei You Tube. Ich war so sofort eingenommen von Ryder selbst und von seiner Methode, die so schlicht wie ein Notizbuch daherkommt und dabei so viel mehr ist als das.

Das Bullet Journal

Ryder schreibt auf seinem Blog und auch in seinem Buch, dass das Bullet Journal eine einfache Methode ist, die Vergangenheit festzuhalten, die Gegenwart zu organisieren und die Zukunft zu gestalten. Insbesondere für die Leute, die immer viel im Kopf haben und versuchen, an alles gleichzeitig zu denken – so ähnlich als wenn man versuchen würde, mehr als drei Bälle gleichzeitig in der Luft zu halten. Okay, ich würde schon an zwei Bällen scheitern, aber der Punkt ist, es ist immer eine gute Idee, alle Bälle mal zur Seite zu legen und Luft zu holen.

Ryders im Grunde einfacher Methode folgend, kaufte ich mir also ein Notizbuch und einen Stift. Zugegeben, ich bin ein Nerd, ich habe genau dasselbe Buch, das Ryder auch in seinem Blog empfiehlt, aber im Grunde funktioniert natürlich jedes beliebige Notizbuch in jedem beliebigen Format und jeder beliebigen Lineatur. Ich selber bevorzuge ein Buch im DIN-A5-Format mit gepunktetem Raster. Das ist super zum Schreiben, hat eine gute Größe und passt genau zu meinen Bedürfnissen.

Die Idee: Alles das, was einem immerzu im Kopf rumschwirrt und das nicht zu vergessen man ständig bemüht ist, aufzuschreiben. Die Bälle zur Seite legen sozusagen. Um eine noch bessere Übersicht zu haben, wird alles, was man aufschreibt, quasi in eine tägliche to-do-Liste in einer Punkte-Liste (bullets, daher der Name) sortiert und im Laufe des Tages abgehakt. Was Ryders Methode so besonders macht, sind vielleicht die drei wesentlichen Grundpfeiler seines Bullet Journals: Das Futurlog, die Monatsübersicht und das tägliche Log(buch).

Futurlog

Im Futurlog trage ich am Anfang des Jahres all die Termine ein, die zu dem Zeitpunkt eben schon feststehen. Bei mir vor allem natürlich Ferientermine, damit ich meine Touren mit dem Wohnmobil planen kann, Geburtstage, feste Termine und Deadlines in der Schule, die ich nicht vergessen darf, Seminare etc. Ich trage selten einmal Termine in meinen digitalen Kalender ein, außer vielleicht, wenn ich unterwegs etwas abmache, das schnell festgehalten werden muss und natürlich Termine, die schon für das nächste Kalenderjahr feststehen. Deshalb gucke ich, wenn ich mein Futurlog anlege, immer noch einmal auch in meinem digitalen Kalender nach, ob ich auch nichts vergessen habe.

Monatsübersicht

Meine Monatsübersicht lege ich immer zum Ende eines Monats neu an. Ich überschlage so ungefähr, wie viele Seiten ich noch für den laufenden Monat für meine täglichen Listen brauche und fange dann auf der entsprechenden freien Doppelseiten meine nächsten Monatsübersicht an. Meine persönliche Monatsübersicht ist sehr schlicht, im Grunde genauso, wie Ryder sie auch auf seinem Blog und in seinem Buch vorschlägt: Eine Seite mit einer Übersicht über die (Wochen-)Tage und Daten des Monats und eine Seite, auf der ich alles aufschreibe, was in diesem Monat erledigt werden muss.

In der Übersichtsseite trage ich dann all die Termine ein, die sich im Futurlog für den Monat schon in der Warteschleife befinden. Vorsichtshalber gucke ich noch einmal in meinen digitalen Kalender, ob ich einen Termin eventuell übersehen habe. Am Ende habe ich einen ganz guten Überblick darüber, wie voll der Monat sein wird, ob wichtige Termine anstehen und wer demnächst Geburtstag hat. Als letztes gucke ich noch einmal auf die to-do-Liste des noch laufenden Monats, hake all die Dinge ab, die ich erledigt habe und übertrage noch offene Aufgaben in den nächsten Monat.

Tägliches Log(buch)

Jeden Abend, bevor ich ins Bett gehe, schreibe ich meine to-do-Liste für den nächsten Tag. Dafür überprüfe ich zunächst auf die Liste des aktuellen Tages und hake ab, was ich erledigt habe. Offene Aufgaben schreibe ich dann entweder für den nächsten Tag noch mal auf oder ich habe vielleicht ein bestimmtes Datum dafür im Auge, wann ich das erledigen will, dann trage ich das entsprechend in meine Monatsübersicht ein. Ryder schlägt dafür zwei „Signifier“, zwei Zeichen vor: < wenn etwas in die Monatsübersicht oder das Futurlog eingetragen wird und > wenn etwas in den nächsten Tag verschoben wird. So mache ich das auch. < wenn ich etwas weiter vorne, also links im Buch eintragen will (Monatsübersicht oder Futurlog) und > wenn ich etwas in den nächsten Tag verschiebe, also nach rechts. Wenn eine Aufgabe einfach nicht mehr relevant ist, weil sie sich erledigt hat oder vielleicht auch einfach nicht mehr wichtig ist für mich, dann streiche ich sie durch.

Wenn ich alle Aufgabe des Tages durchgegangen bin, gucke ich in meine Monatsübersicht, ob für den nächsten Tag ein Termin ansteht, und trage den ein, gekennzeichnet durch einen Kreis °. Danach schreibe ich all das, was ich für den nächsten Tag erledigen will, in meine Bulletliste. Das können so einfache Dinge sein wie „Milch kaufen“ oder auch „Geburtstagsgeschenk besorgen“ aber natürlich auch wichtige berufliche oder private Dinge, die ich erledigen muss, wie zum Beispiel „Zensuren eintragen“.

Meine täglichen Bullet-Listen führe ich ziemlich schlicht und einfach: Wochentag, Datum als Überschrift und, das ist mein kleines Hobby, noch das vorausgesagte Wetter und die Temperatur für den Tag. An Schultage füge ich unter dem Wochentag noch eine Zeitleiste mit ein, in der ich die Stunden markiere, die ich auf jeden Fall beschäftigt sein werde (Unterricht, Konferenzen, Verabredungen, Kurse…). Das gibt mir eine gute Übersicht darüber, wie viele freie Stunden ich an dem Tag zur Verfügung habe und wieviel ich mir darüber hinaus an Aufgaben noch vornehmen kann.

Reflexion

Etwas, was bei all den künstlerisch gestalteten und wirklich oft atemberaubend schönen Bullet Journals verloren geht, ist das Nachdenken und Innehalten am Anfang und Ende eines jeden Tages. Das ist vielleicht einer der Gründe, warum Ryder Carroll davon abrät, die Seiten für die täglichen Einträge im Voraus zu gestalten. Ein anderer Grund ist aber eben auch, dass der Platz, den man für seine täglichen to-do-Listen braucht, jeden Tag unterschiedlich lang ist. Wenn man diese Seiten schon lange im Voraus entwirft, kann es also passieren, dass man mehr to-do-Punkte als Platz für diesen Tag hat und in der Konsequenz dann doch nicht mehr alles aufschreibt, was man eigentlich hätte aufschreiben wollen.

Persönlich setze ich mich jeden Abend, wenn ich mit meinem Tag fertig bin, mit meinem Bullet Journal an den Schreibtisch und kreuze die Bullets durch, die ich erledigt habe, versehe diejenigen, die ich auf einen bestimmten Termin oder nach morgen verschiebe mit den entsprechenden Zeichen und lasse den Tag so noch mal Revue passieren. Außerdem trage ich abends, auch das schlägt Ryder Carroll in seinem Buch vor, all die Dinge ein, die ich zwar nicht geplant hatte, die ich aber trotzdem erledigt habe. Das dient mir manchmal als zukünftige Referenz (doch, ich habe diese email am soundsovielten verschickt) oder auch nur als kleine Übersicht vergangener Tage.

Als letztes gucke ich das Wetter für den nächsten Tag nach und beginne das morgige tägliche Log. Danach versuche ich, jegliche digitalen Geräte zur Seite zu legen und bis zum nächsten Tag in der analogen Welt zu bleiben. Das gelingt mir nicht immer, aber ich arbeite dran.

Sammlungen

Ein für mich schönes und praktisches Werkzeug innerhalb meines Bullet Journals stellen meine „Sammlungen“. Diese lege ich in der Regel immer auf der nächsten freien Doppelseite meines Bullet Journals an und benutze sie in der Regel, um größere Projekte und Reisevorhaben, aber auch für Anleitungen zum Beispiel für meine Bildverarbeitungssoftware (ich bin sehr vergesslich).

Manchmal beeinhaltet eine Sammlung auch einfach nur ein zukünftiges Ereignis, zum Beispiel das nächste Weihnachten oder die bevorstehenden Zeugnisse und ich trage dort, auch wieder ein einer Bullet-Liste all die Dinge ein, die ich noch erledigen muss und die ich auf keinen Fall vergessen darf. Diese Sammlungen werden in zukünftigen Tagen und Wochen dann peu-à-peu in meine täglichen to-do-Listen übernommen und abgearbeitet.

Damit ich über dieses Sammlungen nicht die Übersicht verliere, trage ich sie immer entsprechend in das Inhaltsverzeichnis meines Bullet Journals ein. So finde ich immer wieder, was ich andernfalls wahrscheinlich schon längst vergessen hätte.

Fazit

Ich merke gerade, es ist nun doch so etwas wie eine Kurzanleitung geworden. Das wollte ich eigentlich gar nicht. Meine Begeisterung hat mich davon getragen. Mich hat die Bullet-Journal-Methode einfach ganz und gar überzeugt und in Beschlag genommen. Viel wichtiger aber noch als das: Es ist wirklich nicht schwierig. Und es braucht keinerlei Kreativität oder künstlerischer Begabung. Es braucht auch kein spezielles Notizbuch und ob man nun lieber ein Leuchtturm 1917 oder ein Moleskine-Notizbuch verwenden möchte, ob man mit einem Faber-Castell-Fineliner oder doch lieber mit einem Füller schreiben möchte – es spielt keine Rolle. So oder so ist für mich das Bullet Journal zu einem Moment des analogen Innehaltens in einer digitalisierten Welt geworden.

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