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Carotte und ich- the new normal

Ich bin in letzter Zeit oft gefragt worden, wie es denn jetzt so läuft mit Carotte und mir. Mein Besuch mit Carotte bei Mario und seinem Rudel ist jetzt vier Wochen her. Und genau jetzt, vier Wochen später, bin ich wieder wieder bei Claudia und Mario – aber nur zu Besuch. So vieles hat sich seit dem letzten Mal verändert, die Arbeit im Rudel wirkt immer noch nach.

Die neue Freiheit

Gestern, auf dem Weg von Weimar nach Frohnsdorf, wo ich mich mit meiner Freundin Linda verabredet hatte, die dieses Wochenende ihren neuen Welpen bei Mario abholen will, hatte ich Detlev am Rand einer kleinen Landstraße geparkt, um die Hunde laufen zu lassen. Thüringen und Sachsen sind landschaftlich einfach wunderschön und nachdem die Hunde mich vormittags schon tapfer drei Stunden durch Weimar begleitet hatten, wollte ich die Gelegenheit nutzen, sie noch ein Stück durch Wald und Feld rennen zu lassen.

 

Es war erst auf dem Rückweg, nachdem ich schon dem ansässigen Förster begegnet war, der sich sehr freute, weil meine Hunde so brav hinter mir warteten, damit er vorbei fahren konnte, dass mir auffiel: Ich hatte nicht mal Leinen dabei. Das wäre mir früher nie passiert. Meinen grünen Weidenstab, den hatte zwar ich dabei. Die Leinen allerdings hingen friedlich im Wohnmobil. Das ist mein neues Normal, meine neue Freiheit: Anhalten, wo es schön ist. Loslaufen in dem Vertrauen darauf, dass meine Hunde bei mir sein werden, wenn es darauf ankommt und sie, wo es nicht darauf ankommt, auch mal fetzen zu lassen.

Digger und Carotte. Gemeinsam unterwegs.
Carotte und Digger genießen die neue Realität genauso wie ich.

Auch Weimar war unkompliziert und entspannt. Gut, ich durfte mit den Hunden nicht auf den alten Friedhof, die Fürstengruft besuchen, das war schade. Und das Goethehaus am Frauenplan konnte ich natürlich genauso wenig besichtigen, wie Schillers Wohnhaus oder das Wittumspalais von Anna Amalia mit seiner multimedialen Ausstellung. All das muss ich unbedingt irgendwann einmal nachholen.

 

Aber ich konnte mit den Hunden und meinem Audioguide durch Weimar flanieren, ich konnte den Park an der Ilm besuchen und Goethes Gartenhaus, ohne mir Sorgen zu machen, welchen Hunden ich wohl begegnen und ob ich Carotte im Griff haben würde. Sie war eben einfach dabei und hat mich, gemeinsam mit Digger, auf meiner kleinen Goethe-Wallfahrt begleitet.

Goethes Wohnhaus am Frauenplan.
Blick in den Hof des Goethehauses.
Schillers Wohnhaus. Nur einen kurzen Spaziergang von Goethe entfernt

Hundebegegnungen

Meine Schwester war Weihnachten mit mir spazieren und war wirklich beeindruckt, wie artig Carotte mittlerweile auch auf sehr engen Wegen an manchmal sehr pöbelnden Hunden vorbeigeht. Sie ist dabei nicht unbedingt immer tiefenentspannt, aber sie überlässt die Situation mir. Sie reiht sich hinter mir ein und geht vorbei, in der Regel, ohne den pöbelnden Hund auch nur eines Blickes zu würdigen. Mehr will ich ja gar nicht. 

 

Ganz sicher wird Carotte nie ein Hund sein, den ich freilaufend mit fremden Hunden zusammen lassen kann. Jedenfalls nicht, solange sie mit mir unterwegs ist. Dazu, glaube ich, habe ich zu viele Bilder im Kopf. Aber ich habe jetzt das Gefühl, ich kann uns fremde Hunde vom Hals halten und das reicht mir. Carotte reicht das offensichtlich auch. Sie hat ihren Border Collie. Mehr Hund braucht sie nicht für ihr Seelenheil.

Der grüne Weidenstab

Eigentlich hätte mein letzter Blogpost „Carotte und ich und der Weidenstab“ heißen müssen. Der grüne Weidenstab, den Mario mir zum Abschied mitgegeben hatte, ist für mich gewissermaßen mein Übergangsobjekt geworden. Eine Erinnerung an die Sicherheit, die ich aus Marios Rudel mit nach Hause genommen habe. Ich muss ihn nicht unbedingt benutzen. Ich fühle mich aber besser, wenn ich ihn dabei habe. Ich habe das Gefühl, mit dem Stab kann ich mir Hunde besser vom Hals halten und zur Not könnte ich damit eben auch einfach mal dazwischen hauen. Gebraucht habe ich ihn allerdings bisher noch nie.

 

Es scheint sich aber etwas verändert zu haben in meiner Ausstrahlung oder auch in meiner Haltung, wenn ich mit den Hunden unterwegs bin. Ich laufe zu Hause viel in Gegenden, die von hundelosen Spaziergängern eher schwach frequentiert sind und die, glaube ich, oft von Leuten genutzt werden, die mit ihren schwierigen Hunden direkt bis an den Feld-/ oder Waldweg fahren (oder gleich mitten in den Wald hinein), um dort eine unbehelligte Strecke mit ihren Hunden zu gehen. Und obwohl meine Hunde nun artig hinter mir laufen und ich sie, schon aus Höflichkeit und auch, um deutlich zu machen, meine Hunde wollen nicht spielen, immer anleine, wenn mir Hunde entgegen kommen, passiert es mir in letzter Zeit immer mal wieder, dass Gassigänger mir ausweichen. Früher war das eher umgekehrt.

 

Ein einziges Mal in den letzten vier Wochen bin ich mit meinen Hunden dann doch ein Stück in einen anderen Waldweg ausgewichen, als mir eine Spaziergängerin mit Hund begegnet ist. Deren Auto hatte ich schon eine Viertelstunde vorher passiert, mitten im Wald, an einer Stelle, die für Autos zwar gesperrt, aber eben trotzdem befahrbar ist. Man sammelt ja so seine Erfahrungen im Laufe der Jahre und mir war gleich klar: Hier läuft jemand, der auf keinen Fall einem Hund begegnen will. 

 

Und so war es dann auch. Ein Stück weiter den Waldweg entlang, um eine Kurve herum, kam mir eine sehr zarte Frau mit einem sehr kräftigen Rottweiler entgegen. Deren Weg war von hinten geblockt, da kam von weitem ein Pärchen mit zwei Hunden gelaufen und von vorn kam ich mit meinen zwei Hunden. Die Frau konnte weder umdrehen noch mir ausweichen, ihr Weg war rechts und links von Zäunen bzw. Gräben begrenzt, aber die Art, wie sie ihren Hund sehr kurz nahm und ihn dabei – wahrscheinlich ungewollt – aufrichtete und damit in Habacht-Stellung brachte, ließ es mich für eine gute Idee halten, meinerseits auszuweichen und die Hunde hinter mich abzulegen. Den Weidestab hatte ich vorsichtshalber in Stellung gebracht – so ähnlich, wie ich als Kind im Keller gesungen habe.

Der Kopf hinkt hinterher

Trotz all dieser Veränderungen und trotz all der positiven Erlebnisse in den letzten vier Wochen, der Kopf hängt immer noch hinterher. Es gibt eben Erfahrungen, die ich gesammelt habe, Dinge die ich erlebt und gesehen habe, die sich sowieso nicht löschen, aber auch nicht so ohne weiteres überschreiben lassen. Sie lassen mein Herz bei bestimmten Hunden (oder eher ihren Menschen dazu) schneller schlagen und verändern mich und meine Haltung. Meine Kinder sagen, sie sehen es schon von hinten. Meine Hunde müssen mich nicht mal angucken dafür. Sie wissen sowieso, wie es mir geht. Da hilft es auch nicht, weiter zu atmen oder mir vorzunehmen, entspannt zu bleiben. Carotte und Digger lassen sich nichts vormachen.

 

Aus der Theaterarbeit weiß ich, das Gefühl folgt dem Körper. Will heißen, eine aufgerichtete Körperhaltung lässt mich selbstbewusster, ein zusammengesunkener Körper lässt mich eher hilflos und schwach fühlen und Lachyoga hebt meine Stimmung (tut es wirklich, meine Kinder wissen ein leidvolles, weil peinliches Lied davon zu singen). Ich vertraue also darauf, dass mein Gefühl irgendwann, meinetwegen auch mit einiger Verspätung, meiner neuen Haltung folgen wird.

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