" /> Das leere Nest - CAROTTES REISE

Das leere Nest

Hand hält leeres Vogelnest

Ich kann mich genau an diese Soziologievorlesung während des Studiums erinnern, als der Dozent von der „Phase des leeren Nestes“ innerhalb der verschiedenen Phasen der Familienbildung sprach. Gemeint war damit die „nachelterliche Phase“, wie sie im Familienzyklus-Modell beschrieben ist.

Ich weiß noch, wie nah und gleichzeitig weit weg mir das vorkam. Nah deshalb, weil ich als jüngstes Kind der Familie meine alleinstehende Mutter im leeren Nest zurück gelassen hatte. Weit weg, weil ich mir im Leben nicht vorstellen konnte, eine eigene Familie zu gründen, geschweige denn, einmal so alt zu sein, dass ich diejenige sein würde, die im leeren Nest zurück bliebe. Irgendwie hatte ich das Gefühl, ich würde ewig  jung sein.

Und jetzt, kaum einen Augenblick später, so kommt es mir vor, habe ich nicht nur eine eigene Familie gegründet und Kinder großgezogen, auf einmal sitze ich selber im leeren Nest.

Auf der einen Seite finde ich es großartig. Nach all den Jahren, in denen ich für meine Kinder gesorgt habe, bin ich auf einmal wieder frei und ungebunden. Wenn ich länger arbeiten muss, wenn ich zu Hause stundenlang Unterricht vorbereite, wenn ich Arbeiten korrigiere oder auch nur auf dem Sofa rumliege und lese, macht mir das kein schlechtes Gewissen mehr. Und wenn der Kühlschrank leer und der Herd kalt bleibt, dann habe ich das niemand anderem zu verantworten als mir selber.

Aber es gibt eben auch niemanden mehr, dem ich verantwortlich bin. Und auch wenn ich wirklich gerne Zeit mit mir verbringe, die Phase des leeren Nestes ist auch eine Phase intensiver Einsamkeit. Eine Phase der Leere. Es ist nicht so, dass ich keine Freunde hätte, keine Hobbys, nicht genug um die Ohren. Im Gegenteil. Es ist auch nicht so, dass ich mir wünschte, meine Kinder wären noch länger zu Hause geblieben. Es ist gut so, wie es ist und ich bin froh, dass meine Kinder ausgezogen sind und es ihnen gutgeht, da wo sie jetzt sind in ihrem Leben.

Es gibt keine Abkürzungen. Weder in der Liebe noch im Leben. Der Schmerz muss gefühlt werden. Die Leere auch.

Es ist eben eine Umstellung. Eine Zeit des Innehaltens und der Frage, was ich noch anstellen soll mit dem Rest meines Lebens.

Als meine Kinder noch klein waren und ich im Referendariat, da hat es Tage gegeben, an denen ich schon morgens, wenn ich aufgestanden bin, die Stunden gezählt habe, bis die Kinder wieder im Bett sind und ich endlich ein paar Minuten für mich selbst habe. Heute stehe ich auf und der Tag gehört mir. Jeden Tag.

Es ist ein bisschen eine Zeit des Wartens. Irgendwie denke ich, das kann nicht alles gewesen sein. Ich probiere also alle möglichen Dinge aus: Ich poliere mein Französisch auf, probiere mich an der Kamera aus, trainiere Hunde und Menschen, nehme Leitungsaufgaben in der Schule wahr, habe ein weiteres Studium abgeschlossen… und frage mich, was das Leben sonst noch so für mich bereit hält.

In der Zwischenzeit fahre ich „den Neuen“ spazieren, übe, Hunde zu fotografieren und meine Fotos mit Lightroom zu bearbeiten, führe meine Hunde spazieren, arbeite in meiner Freizeit als Trainerin der HundeTEAMSchule, versuche, meine Schülerinnen und Schüler möglichst unbeschadet durch die Irrungen und Wirrungen der Pubertät zu führen und schreibe meinen Blog. Wie George Eliot so richtig schrieb:

„It’s never too late to be what you might have been.“

 

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